Das Wunder von Smalenbroek

Die Kriegstage sind gezählt. Viele Menschen werden vom Hunger gequält. Die Sorge um die tägliche Nahrung, und wenn es auch nur ein bisschen wäre, ist groß. Fien erfährt von ihrem Arzt, dass die Muttermilch, mit der sie ihr Neugeborenes stillt, zu wenig Fett enthält. Sientje muss darunter leiden. Wie sollte es auch anders sein, in diesen schweren Zeiten des Nahrungsmangels? Sie darf gar nicht daran denken, ihr Kind dem Tod zu überlassen. Nach der Trauer um ihren Mann, der in der Kriegsgewalt gestorben ist, auch das noch. Liebevoll gibt sie ihrem Kind die Brust, aber es ist, als ob sie ihm den Tod einflößt.

Das Foto ihres Mannes steht vor ihr. Seine entschlossenen Mundwinkel, seine liebevolle Augen bringen sie dazu, einen Bauernhof aufzusuchen. Geschwächt durch die Schwangerschaft macht sie sich auf den Weg. Vielleicht gelingt es ihr, mit der Geschichte ihres sterbenden Kindes Mitleid zu erregen und Butter zu bekommen. Viele Hoffnungen macht sie sich nicht aber das Foto spornt sie dennoch an.

In Gedanken versunken läuft sie durch die Landschaft von Smalenbroek. Sie hat keinen Blick für die aufblühende Natur. Doch sie sieht die Vögel, die sich eifrig um ihren Nachwuchs kümmern. Könnte sie Sientje doch auch mit Würmern und Insekten füttern. Das Fliegen würde sie gerne in Kauf nehmen. Unwillkürlich betastet sie ihre Brüste. Ihr lieber Mann pries sie in den Himmel und nun hingen sie für ihr Gefühl zwecklos herum. Sientje weint viel. Das Kind hat Hunger aber was soll sie machen?

Sie kommt an dem großen, weißen Landgut Het Smalenbroek vorbei. Durch ihre verweinten Augen sieht sie, dass unter der Haustür etwas Gelbliches schimmert. Ihr Interesse wird geweckt. Sie geht darauf zu. Das gelbe Zeug glänzt im Sonnenlicht. Es scheint Butter zu sein. Fien beugt sich vor und kratzt mit ihrem Finger etwas von der Masse ab und steckt es sich in den Mund. Das kann doch nicht wahr sein? Es ist wahr.

Das Gelbe schmilzt langsam dahin und Fien nimmt sich davon. Es wird eine Handvoll und mehr...und mehr.

Sie hält ihre Tasse unter die Türschwelle und nach einiger Zeit hört der Strom nach und nach auf. Sie hat eine Tasse voll himmlischer Butter. Auf dem Weg nach Hause kann sie es nicht lassen, immer wieder davon zu probieren. Zuhause legt sie das Baby sofort an. Gierig schmatzt das Kind, als ob es weiß, dass diese Milch sein Leben retten wird. Fien sieht sich ihr Kind an und sieht zu ihrer Freude, dass sich auf den Wangen eine leichte Röte zeigt. Es kann nicht wahr sein aber es ist tatsächlich wahr. Die Röte hat die Form von kleinen Herzchen.

Sientje wächst zu einem gesunden Mädchen heran. Sie muss sich ihre Lebensgeschichte oft anhören. Mit einem Lächeln. Ihre Mutter findet einen neuen Partner und die Familie zieht nach Middelburg. Bei der Wahl des "Zeeuws Meisje" gewinnt Sientje den heißbegehrten Titel. Sie studiert Geschichte und promoviert in Nijmegen mit dem Thema "Stroinkslanden in Kriegszeiten". Sie erfährt, dass auf dem Landgut im Smalenbroek einst Zollbeamte ihr Revier hatten. Schmuggler, die sie des Butterschmuggels verdächtigten, ließen sie stundenlang im überhitzten Kommiesenzimmer sitzen. Die Butter, die sie unter ihrer Kleidung verborgen hatten, schmolz dann und rann ihre Beine hinunter.

Prof. Dr. Sien war vernünftig und hielt diese historischen Weisheiten von ihrer Mutter fern. Mittlerweile ist sie Dozentin an der Universität. Wenn sie mit ihrem Mann und ihren Kindern durch die Landschaft von Smalenbroek läuft, kann sie nicht anders als bei dem Landgut drei "Blue Bandjes" zu murmeln und zu schmatzen. Ihre Begleitung findet das schon sehr merkwürdig. Sie reagiert darauf mit der Antwort, dass eine Geschichte immer schöner ist als eine Beschreibung einer Tatsache.

Leen Fröberg

Der Hof Het Smalenbroek befindet sich im gleichnamigen Landgut in Enschede Süd. "Intrigierend ist das sogenannte Kommiesenzimmer des Hofes. Wegen der Nähe zur Grenze wohnte in diesem Zimmer ein Kommies oder Zollbeamter. Wie von selbst kommen Bilder von Männer in gestärkten Uniformen hoch, die mit erhobenen Säbeln Jagd auf armselige Schmuggler machen" (Aus: "Langs oude erven in Enschede Zuid")