Holzschuhtanz

Foto: Caprice

(Anekdote von CAPRICE)

„Sag’ mal, du treibst dich doch ständig in Holland herum, hast dort viele Kontakte und deine Schwiegereltern wohnen dort“ sagte der Wirt meiner früheren Stammkneipe zu mir.
„Mein Laden braucht dringend eine Metamorphose. Den alten Krempel kann ich nicht mehr sehen.
Ich dachte an was holländisches; das liebt man hier, frisch und bunt muss es aussehen…“
Er schob mir ein Bier vor die Nase und sagte: „Hier, vom Hause. Mach’ dir doch mal Gedanken.“
„Na ja, da brauche ich nicht lange nachzudenken: Windmühlen, Tulpen, Holzschuhe, das sei typisch holländisch“ antwortete ich in der Absicht, damit meinen Teil dazu beigetragen zu haben.
„Ja gut, bring’ das nächste Mal etwas aus Holland mit; aber denke daran, dass es nicht zu teuer wird.“
Da hatte ich dann meinen Auftrag. Er selbst wollte seine Kneipe umgestalten, aber das von ihm spendierte Glas Bier verpflichtete mich zu Inspiration und Zeitaufwand.
Toll hat er das wieder hingekriegt, dachte ich.

Am darauffolgenden Wochenende fuhr ich dann wieder nach Nijmegen und erzählte beiläufig meinen Schwiegereltern von dem Wirt, der mich ziemlich unter Druck setzte. Zu meiner großen Überraschung nannte der Schwiegervater gleich die Adresse von „Hendrik de Pieper“, eines ihm bekannten Holzschuhmachers ganz in der Nähe, bei dem wir uns mal umsehen könnten. Er selbst habe dort in der Vergangenheit schon mehrere Male was gekauft. Aber wenn man nichts kaufen würde, wäre es auch in Ordnung, der alte Hendrik freue sich über jeden Besuch.

Es duftete nach frisch gesägtem Holz in der Werkstatt. Nichts deutete auf ein Geschäft hin. Unterwegs dachte ich zunächst an so etwas wie einen Touristenladen mit bunt bemalten Holzschuhen und Ansichtskarten vor dem Eingang. Nichts von alledem. Ein alter Mann in einem verschlissenen Kittel saß hinter seiner Werkbank und begrüßte uns freundlich. Seine Brille muss schon mal einen Unfall erlitten haben, die Montur war mit Leukoplast zusammengeklebt. Die beiden Männer kannten sich und nannten sich bei ihren Vornamen. Sie hatten sich viel zu erzählen und ich weiß gar nicht mehr, worüber es ging. Aber es wurde viel gelacht und mein Schwiegervater fragte mich zwischendurch, ob ich diesen „Künstler“ wohl verstehen könne; er spräche nämlich ein ganz perfektes Platt-Holländisch; sehr lehrreich für mich. Auch ich musste darüber lachen, während ich mich über die Spinngewebe an den Fenstern, die alten rostigen Werkzeuge und die enorme Menge Holz, die in Stücke gesägt auf einem großen Haufen in einer Ecke lagen, wunderte.

Nachdem wir den angebotenen Schnaps noch im Magen brennen fühlten sagte Hendrik, wir sollten mal mit ihm nach draußen auf den Hof gehen. Er wies auf einen Berg an Holzschuhen und meinte, davon könne ich für fünf Gulden so viel mitnehmen, wie ich wolle; er habe aber nichts dagegen, wenn ich freiwillig zehn Gulden zahlen würde. Es wäre schließlich für einen guten Zweck und er zeigte dabei mit dem Finger auf eine Schnapsflasche.

„Von den Jungs, die manchmal von der Berufsschule geschickt werden, kann keiner mehr Holzschuhe machen. Die interessieren sich auch nicht mehr dafür. Alles was auf dem Hof liegt ist vermurkst oder krumm und hat Löcher. Es ist für mich teurer Abfall, der sich nur als Brennholz verkaufen lässt“, erzählte er.
Ich war froh, für so wenig Geld einen Kofferraum voller Holzschuhe erworben zu haben. Mein Wirt könnte sie dann selbst bemalen und als Dekoration für seine Kneipe wohl gut gebrauchen.

Am nächsten Tag ging es dann nach dem Abendessen zurück nach Deutschland, diesmal mit der Hoffnung, an der Grenze mit einer Handbewegung des Zöllners durchfahren zu dürfen. An ein „Schengener Abkommen“ war in diesen Jahren noch nicht zu denken. Es gab noch Schlagbäume und vor allem viele Zollbeamte mit Adleraugen. Der Grenzübergang zwischen Nijmegen und Kleve bei Kranenburg war mir zwar bekannt als einer mit ständigen Kontrollen, aber ich hatte ja nichts von Wert bei mir.
An der Grenze sah ich schon bei Annäherung einen Zollbeamten mit einer roten Kelle.
Dies bedeutete „anhalten“. Er wollte meinen Personalausweis sehen und fragte, ob ich etwas zu verzollen hätte. „Ich habe nichts zu verzollen“, antwortete ich. Dann solle ich doch mal rechts heran fahren und meinen Kofferraum öffnen. Als hätte er auf Abstand das Holz schon gerochen.
So stieg ich aus und öffnete den Kofferraum, wobei ich ihn anschaute.
Als er die vielen Holzschuhe sah, bemerkte ich einen Blick in seinen Augen, der seine Gedanken verriet. Der junge Zollbeamte in seiner korrekten Uniform muss wohl gedacht haben, endlich einen großen Fisch gefangen zu haben und dass nun nichts mehr einer glanzreichen Karriere im Wege stehen würde. Zugleich steckte er meinen Personalausweis ein und lief damit in das Zollamt.
Ich solle erst mal warten, sagte er streng.
Das Warten dauerte sehr lange. Dann kam er mit zwei seiner Kollegen zurück, die sich seine
 „fette Beute“ betrachteten. Ich zeigte ihnen die Löcher an der unteren Seite der Holzschuhe uns sagte, dass es sich um Abfallware handele. Sie waren nicht leicht zu überzeugen, nahmen etliche Stichproben und prüften die Ware kritisch. Der eine roch sogar daran.
Dann sollte ich mal mit ins Büro kommen. Da ich natürlich keine Rechnung vorzeigen konnte, musste ich eine schriftliche Erklärung abgeben, wie viel ich dafür gezahlt und wo ich die Holzschuhe gekauft hätte. Erst danach bekam ich meinen Ausweis zurück und durfte nach Hause fahren.

Auch in den Monaten danach wurde ich an dem besagten Grenzübergang streng kontrolliert.
Ich galt als verdächtig.